Monatsarchiv für Februar 2009

Hagen Fritsch

Entropiepool des Klavierspielens

Als Informatikstudent erreicht man irgendwann einen Punkt im Leben, an dem einem auffällt, wie sehr man vom Studium beeinflusst wird. Das fängt mit dem „normalen“ Leet-Geschwätz à la „LOL – WTF?“ und diversen Witzen über lustige Katzen, geht dann soweit dass man wahrnimmt, dass Kochrezepte eigentlich auch nur Algorithmen sind und wenn man nicht nur im Verkehr sondern auch beim Laufen des öfteren von congestion avoidance redet, ist es wohl ohnehin schon zu spät.

Nachdem ich gerade in einer gestressten Lernphase bin, kam ich seit über einem Monat nicht mehr dazu, Klavier zu spielen und das obwohl ein schönes Exemplar dieser Instrumente bei uns vorhanden ist. Nichtsdestoweniger zog es mich hinunter zum Spielen. Nahezu in Trance (FLOW-Erleben war’s auf jeden Fall) improvisierte ich also vor mich hin und die Idee sprudelten einfach, bzw. die Finger erzeugten Melodien, atmosphärische Voicings und mitreißende Rhythmen – und das alles ohne großartig nachzudenken. In Retrospektive ist mir schon öfter aufgefallen, dass Improvisationen kreativer sind, wenn ich länger nicht gespielt habe. Man könnte jetzt also Kreativität als regenerative Ressource betrachten. Ich glaube aber zusätzlich, dass Menschen ganz ähnlich dem Linux-Kernel über die Zeit immer schön Entropiebits sammeln, die dann natürlich auch verbraucht werden können. Und wenn sie alle sind und nicht mehr genug randomness vorhanden ist, können logischerweise auch kreative Prozesse nicht mehr mit maximaler Effizienz arbeiten.

Jetzt müsste man nur noch wissen, woher der Mensch seine Entropie bezieht. Leider ist er nicht Open-Source und reverse-engineering ist da ja bekanntlich schwierig.